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Wo dein Geist wirklich lebt

Gerade jetzt, beim Lesen dieses Satzes, bist du hier. In ein paar Sekunden wird dein Geist wahrscheinlich woanders sein. Ein Gespräch noch einmal durchgehen…


Gerade jetzt, beim Lesen dieses Satzes, bist du hier. In ein paar Sekunden wird dein Geist wahrscheinlich woanders sein. Ein Gespräch noch einmal durchgehen. Das Abendessen planen. Eine To-do-Liste durchspielen, die es noch gar nicht gibt.

Das ist kein Fehler. Es ist die Standardeinstellung deines Gehirns.

Das Netzwerk, das niemals ruht

Dein Gehirn hat eine Gruppe von Regionen, die aktiv werden, sobald du aufhörst, dich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Neurowissenschaftler nennen es das Ruhezustandsnetzwerk (Default Mode Network). Wenn nichts deine Aufmerksamkeit fordert, zieht dieses Netzwerk deine Gedanken in Richtung Vergangenheit, Zukunft oder zu dir selbst.

Eine groß angelegte Experience-Sampling-Studie ergab, dass Menschen fast 47 Prozent ihrer wachen Stunden an etwas anderes denken als an das, was sie gerade tun. Fast die Hälfte deines bewussten Lebens, verbracht an einem anderen Ort als dem Jetzt.

Warum das wichtig ist

Dieselbe Studie fand etwas Bemerkenswertes heraus: Gedankenwandern (Mind Wandering) war ein stärkerer Prädiktor für Unzufriedenheit als die Tätigkeit selbst. Was die Menschen taten, erklärte weniger als 5 Prozent der Unterschiede in ihrem Wohlbefinden. Ob ihr Geist präsent war, erklärte mehr als doppelt so viel — selbst wenn die wandernden Gedanken neutral waren.

Zurückkommen

Bildgebende Studien des Gehirns bei erfahrenen Meditierenden zeigen, dass das Ruhezustandsnetzwerk mit der Praxis deutlich ruhiger wird. Aber du brauchst keine jahrelange Meditationserfahrung. Achtsamkeit (Mindfulness) — die Praxis, zu bemerken, wo deine Aufmerksamkeit ist und sie zurückzubringen — baut sich mit kleinem Aufwand auf.

  1. Erkenne das Abdriften. Ein paar Mal am Tag halte inne und bemerke: Wo ist mein Geist gerade? Du musst nichts verändern.
  2. Benenne, wohin er gewandert ist. Gib dem Ziel einen Namen: „Planen", „Wiederholen", „Sorgen machen". Das Benennen selbst ist ein kleiner Akt der Rückkehr.
  3. Nimm einen bewussten Atemzug. Nach dem Bemerken nimm einen einzigen langsamen Atemzug. Das reicht, um wieder im Jetzt anzukommen. Du musst deinen Geist nicht davon abhalten zu wandern. Du musst nur bemerken, wenn er sich davonmacht.
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Quellen

  1. Killingsworth, M. A., & Gilbert, D. T. (2010). A wandering mind is an unhappy mind. Science, 330(6006), 932. https://doi.org/10.1126/science.1192439
  2. Brewer, J. A., Worhunsky, P. D., Gray, J. R., Tang, Y.-Y., Weber, J., & Kober, H. (2011). Meditation experience is associated with differences in default mode network activity and connectivity. Proceedings of the National Academy of Sciences, 108(50), 20254–20259. https://doi.org/10.1073/pnas.1112029108
  3. Andrews-Hanna, J. R., Irving, Z. C., Fox, K. C. R., Spreng, R. N., & Christoff, K. (2017). The role of the default mode network in component processes underlying the wandering mind. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 12(7), 1047–1062. https://doi.org/10.1093/scan/nsx030