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Wie du gelernt hast zu lieben

Lange bevor du zum ersten Mal verliebt warst, hast du bereits gelernt, wie Liebe funktioniert. Nicht aus Büchern oder Ratschlägen. Sondern aus der Art, wie…


Lange bevor du zum ersten Mal verliebt warst, hast du bereits gelernt, wie Liebe funktioniert. Nicht aus Büchern oder Ratschlägen. Sondern aus der Art, wie jemand da war oder eben nicht da war, wenn du geweint hast.

Das ursprüngliche Experiment

In einem entwicklungspsychologischen Experiment trennten Forschende Kleinkinder kurz von ihren Bezugspersonen in einem unbekannten Raum. Drei Muster zeigten sich:

  • Sicher gebundene Kinder protestierten, beruhigten sich aber schnell, sobald ihre Bezugsperson zurückkam.
  • Ängstlich gebundene Kinder wurden extrem verzweifelt und waren schwer zu trösten, sie klammerten sich selbst nach der Wiedervereinigung fest.
  • Vermeidend gebundene Kinder wirkten unberührt und wandten sich ab, als hätten sie gelernt, keinen Trost zu erwarten. Etwa 60 % fielen in die sichere Gruppe. Der Rest verteilte sich gleichmäßig auf ängstlich und vermeidend. Du hast eines dieser Muster gelernt, bevor du sprechen konntest.

Dieselben Muster, Jahrzehnte später

Sozialpsychologen untersuchten, ob sich diese Muster in erwachsene Liebesbeziehungen übertragen. Die Verteilung war verblüffend ähnlich: ungefähr 60/20/20, von sicher über ängstlich bis vermeidend.

Erwachsene mit hoher Bindungsangst (attachment anxiety) sorgen sich vor dem Verlassenwerden und suchen ständig Bestätigung. Erwachsene mit hoher Bindungsvermeidung (attachment avoidance) ziehen sich zurück, wenn es eng wird. In einer Beobachtungsstudie an Flughäfen suchten stark vermeidende Personen beim Abschied weniger Körperkontakt.

Wenn du jemals jemanden näher an dich gezogen hast, sobald sich die Dinge unsicher anfühlten, oder still geworden bist, als jemand dir nahekam, dann siehst du deinen Bindungsstil (attachment style) in Aktion.

Was du damit anfangen kannst

  1. Bemerke dein Standardmuster. Wenn eine Beziehung sich das nächste Mal angespannt anfühlt, frage dich: Ziehe ich näher heran oder ziehe ich mich zurück? Das Muster zu bemerken ist der erste Schritt.
  2. Benenne das Muster, nicht die Person. Statt „die sind so distanziert" probiere „Ich bemerke gerade Vermeidung." Aus Schuldzuweisung wird Beobachtung.
  3. Probiere einmal das Gegenteil. Wähle einen Moment, in dem dein Instinkt ist, dich zurückzuziehen oder zu klammern, und tue das Gegenteil. Du musst es nicht perfekt machen.

Diese Muster sind nicht in Stein gemeißelt. Eine Längsschnittstudie, die Menschen vom Säuglingsalter bis in ihre frühen Zwanziger begleitete, fand nur einen bescheidenen Zusammenhang zwischen kindlicher und erwachsener Bindung. Neue Beziehungen und korrigierende emotionale Erfahrungen formen die Blaupause um.

Deine frühesten Beziehungen haben den ersten Entwurf geschrieben. Du darfst ihn überarbeiten.

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Quellen

  1. Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of attachment: A psychological study of the strange situation. Lawrence Erlbaum Associates.
  2. Hazan, C., & Shaver, P. (1987). Romantic love conceptualized as an attachment process. Journal of Personality and Social Psychology, 52(3), 511–524. https://doi.org/10.1037/0022-3514.52.3.511
  3. Brennan, K. A., Clark, C. L., & Shaver, P. R. (1998). Self-report measurement of adult attachment: An integrative overview. In J. A. Simpson & W. S. Rholes (Eds.), Attachment theory and close relationships (pp. 46–76). Guilford Press.
  4. Fraley, R. C. (2002). Attachment stability from infancy to adulthood: Meta-analysis and dynamic modeling of developmental mechanisms. Personality and Social Psychology Review, 6(2), 123–151. https://doi.org/10.1207/S15327957PSPR0602_03
  5. Fraley, R. C., Roisman, G. I., Booth-LaForce, C., Owen, M. T., & Holland, A. S. (2013). Interpersonal and genetic origins of adult attachment styles: A longitudinal study from infancy to early adulthood. Journal of Personality and Social Psychology, 104(5), 817–838. https://doi.org/10.1037/a0031435