Wenn du autistisch bist, hat man dir wahrscheinlich schon gesagt, direkt oder indirekt, dass soziale Schwierigkeiten dein Problem sind. Dass du es bist, der Situationen falsch liest, Hinweise übersieht und sich schwertut, eine Verbindung aufzubauen. Die Forschung sagt inzwischen, dass das Missverständnis in beide Richtungen geht.
Die alte Geschichte
Die traditionelle Erklärung war die Theory of Mind (Theory of Mind): Autistische Menschen, so hieß es, hätten Schwierigkeiten zu erraten, was im Kopf einer anderen Person vorgeht. Das stellte soziale Schwierigkeiten als einseitiges Defizit dar. Aber eine Frage blieb ungestellt: Was ist mit der anderen Richtung?
Was die Forschung ergab
Die Idee, dass Empathielücken gegenseitig sind, hat einen Namen: das Doppelte-Empathie-Problem (Double Empathy Problem). Und eine wachsende Zahl von Studien belegt es.
Eine Studie zu ersten Eindrücken zeigte, dass nicht-autistische Menschen innerhalb von Sekunden negative Urteile über autistische Personen fällten. Wenn sie aber Transkripte derselben Gespräche lasen (nur die Worte), verschwanden diese Urteile. Die Voreingenommenheit lag nicht daran, was gesagt wurde. Sondern daran, wie es klang.
Ein Stille-Post-Experiment testete, wie genau Gruppen Informationen entlang einer Kette weitergaben. Rein autistische Gruppen schnitten genauso gut ab wie rein nicht-autistische Gruppen. Gemischte Gruppen verloren deutlich mehr Details. Der Bruch passierte zwischen zwei Kommunikationsstilen, nicht wegen einer der beiden Gruppen allein.
Wenn einander unbekannte autistische Erwachsene zum Gespräch zusammengebracht wurden, berichteten sie die gleiche Verbundenheit wie nicht-autistische Paare und teilten mehr von sich selbst mit.
Was du tun kannst
- Trenne Inhalt von Stil. Wenn eine soziale Interaktion schiefgeht, frag dich, ob die Unstimmigkeit am Gesagten lag oder an der Art der Übermittlung. Das sind zwei verschiedene Probleme.
- Achte auf Schnellurteile. Wenn sich Tonfall oder Körpersprache von jemandem seltsam anfühlen, halt inne. Was hat die Person tatsächlich gesagt? Die Forschung zu ersten Eindrücken zeigt, dass beides ganz unterschiedliche Geschichten erzählen kann.
- Erkenne den Aufwand an. Wenn du autistisch bist und Energie darauf verwendest, nicht-autistische soziale Normen nachzuahmen, dann ist das Arbeit, kein persönliches Versagen. Es zu benennen verändert, was du von dir selbst erwartest. Soziale Schwierigkeiten zwischen Neurotypen sind nicht das Scheitern einer einzelnen Person. Es ist eine Lücke, die beiden Seiten gehört.