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Wenn eine Diagnose eine andere verdeckt

Sobald eine Diagnose in deiner Akte steht, verändert sie, wonach Fachleute suchen. Und manchmal auch, wonach sie aufhören zu suchen.


Sobald eine Diagnose in deiner Akte steht, verändert sie, wonach Fachleute suchen. Und manchmal auch, wonach sie aufhören zu suchen.

Diagnostische Überschattung (Diagnostic Overshadowing) passiert, wenn eine bestehende Diagnose so dominant wird, dass gleichzeitig vorhandene Erkrankungen übersehen werden. Symptome werden einfach dem zugeordnet, was bereits in der Akte steht. Ein Kind mit ADHS, dessen Rückzug als Unaufmerksamkeit gelesen wird, nicht als Depression. Ein autistischer Erwachsener, dessen chronische Schmerzen auf sensorische Besonderheiten geschoben werden, statt sie eigenständig abzuklären.

Wenn du jemals das Gefühl hattest, dass deine Symptome wegerklärt wurden, könnte diese Intuition zutreffender sein, als du denkst. Das Konzept wurde erstmals in den frühen 1980er-Jahren in der Forschung zu geistiger Behinderung beschrieben. Das Muster stellt sich als weit verbreiteter heraus.

Wie ein Etikett zur Brille wird

Sobald eine Diagnose einen Teil dessen erklärt, was ein Behandler sieht, wird sie zum Rahmen für alles. Eine Studie, die Kinder mit sowohl einer Verhaltensstörung als auch Depression untersuchte, fand heraus, dass 93 % bei der Erstaufnahme nicht als depressiv erkannt wurden. Die externalisierenden Symptome (Hyperaktivität, Trotzverhalten, Aggression) nahmen die gesamte klinische Aufmerksamkeit ein.

Bei neurodivergenten Bevölkerungsgruppen verschärft sich das Problem. Bis 2013 erlaubte das Diagnostische und Statistische Manual psychischer Störungen (DSM) nicht einmal eine Doppeldiagnose von ADHS und Autismus. Diese Regel ist gestrichen, aber die Gewohnheit hält sich. Eine Studie, die Kinder mit bestehender ADHS-Diagnose begleitete, stellte fest, dass sie eine Autismus-Diagnose etwa anderthalb Jahre später erhielten als Gleichaltrige ohne ADHS in der Akte. Bei Mädchen dehnte sich die Verzögerung auf fast zweieinhalb Jahre aus.

Dich selbst schützen

  • Dokumentiere separat. Halte Symptome, die nicht zu deiner bestehenden Diagnose passen, eigenständig fest: was passiert, wann, wie oft und was es besser oder schlechter macht. Konkrete Details machen es schwieriger, sie dem bestehenden Etikett zuzuordnen.
  • Benenne das Anliegen direkt. Sage deinem Behandler: „Ich möchte, dass das als eigenständiges Thema untersucht wird." Diese Formulierung lädt zu einem frischen Blick ein.
  • Bereite dich vor Terminen vor. Schreibe eine kurze Zusammenfassung dessen, was nicht zu deiner aktuellen Diagnose passt. Es laut vorzulesen hilft dir, klar für dich einzutreten, wenn es darauf ankommt. Deine erste Diagnose war ein Puzzleteil des Gesamtbildes. Sie muss nicht der ganze Rahmen sein.
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Quellen

  1. Reiss, S., Levitan, G. W., & Szyszko, J. (1982). Emotional disturbance and mental retardation: Diagnostic overshadowing. American Journal of Mental Deficiency, 86(6), 567–574.
  2. Kentrou, V., de Veld, D. M. J., Mataw, K. J. K., & Begeer, S. (2019). Delayed autism spectrum disorder recognition in children and adolescents previously diagnosed with attention-deficit/hyperactivity disorder. Autism, 23(4), 1065–1072. https://doi.org/10.1177/1362361318785171
  3. American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). American Psychiatric Publishing.