Eben warst du noch mitten in einem Gespräch. Im nächsten Moment sind mehrere Minuten vergangen und du hast keine Ahnung, was gesagt wurde. Dein Gehirn hat sich leise von der Gegenwart abgekoppelt, und du hast es nicht gewählt.
Wie es sich anfühlt
Dissoziation ist die Art deines Gehirns, Abstand zwischen dir und einer Erfahrung zu schaffen, die sich nach zu viel anfühlt. Sie existiert auf einem Spektrum. Am milden Ende sieht es so aus, als würdest du auf der Autobahn wegdriften und deine Ausfahrt verpassen. Am intensiveren Ende:
- Depersonalisation. Du beobachtest dich von außerhalb deines Körpers, als würdest du einen Fremden beobachten.
- Derealisation. Die Welt um dich herum fühlt sich neblig, unwirklich oder traumhaft an.
Warum dein Gehirn das tut
Dissoziation ist keine Fehlfunktion. Sie ist eine Schutzreaktion. Wenn Emotionen das Nervensystem überfordern, verringert das Gehirn deine Verbindung zur Erfahrung, wie ein innerer Sicherungsschalter. Die meisten Menschen erleben irgendwann in ihrem Leben mindestens eine milde Episode, obwohl nur etwa 1 bis 2 Prozent eine anhaltende Störung entwickeln.
Eine neurowissenschaftliche Studie, die in Nature veröffentlicht wurde, fand das Signal hinter dieser Abkopplung: Nervenzellen im posteromedialen Kortex, die in einem synchronisierten 3-Zyklen-pro-Sekunde-Rhythmus feuern. Als Forscher diesen Rhythmus im Labor nachbildeten, erzeugte er dissoziatives Verhalten ohne jegliche Medikamente. Das Gehirn hat eigene Schaltkreise dafür, sich auszuklinken.
Früher Lebensstress macht diesen Schaltkreis reaktiver. Forschung zu Depersonalisation und Derealisation ergab, dass emotionaler Missbrauch in der Kindheit der stärkste einzelne Prädiktor für anhaltende dissoziative Symptome ist.
Den Weg zurück finden
Erdungstechniken (Grounding) funktionieren, indem sie die Aufmerksamkeit durch grundlegende Sinneseindrücke lenken, die auch dann zugänglich bleiben, wenn die übergeordnete Verarbeitung sich abschaltet.
- Berühre etwas Kaltes oder Strukturiertes. Eis oder kaltes Wasser auf deinen Handgelenken holt dein Nervensystem zurück in die Gegenwart.
- Benenne fünf Dinge, die du sehen kannst, und sag jedes laut aus. Das verankert dich wieder in deiner physischen Umgebung durch visuelle und verbale Verarbeitung.
- Drücke deine Füße fest auf den Boden. Drucksignale erinnern dein Gehirn daran, wo dein Körper ist. Anhaltende Dissoziation, besonders wenn sie mit Trauma verbunden ist, profitiert von der Arbeit mit einem Therapeuten, der in traumafokussierten Ansätzen geschult ist.
Im Moment selbst kann sensorische Erdung aber die Distanz verkürzen zwischen dem Ort, an den dein Geist verschwunden ist, und dem, wo du tatsächlich bist.