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Die Wissenschaft des tiefen Atmens

Dein Nervensystem nimmt keine Anfragen entgegen. Herzfrequenz, Verdauung, Stresshormone: alles läuft auf Autopilot. Die Atmung ist die Ausnahme. Sie läuft…


Dein Nervensystem nimmt keine Anfragen entgegen. Herzfrequenz, Verdauung, Stresshormone: alles läuft auf Autopilot. Die Atmung ist die Ausnahme. Sie läuft automatisch, aber du kannst auch selbst das Steuer übernehmen.

Wenn dir jemals jemand gesagt hat, du sollst „einfach atmen", während sich deine Brust eng anfühlte, kam dir der Rat wahrscheinlich nutzlos vor. Die Wissenschaft sagt etwas anderes.

Das Ausatmen ist der Hebel

Dein Körper schaltet zwischen zwei Modi um. Das sympathische Nervensystem steuert die Stressreaktion: rasendes Herz, angespannte Muskeln, schnelle Atemzüge. Das parasympathische Nervensystem bringt dich zurück zum Ausgangszustand, verlangsamt das Herz und senkt das Cortisol.

Die Brücke zwischen beiden ist der Vagusnerv (Vagus nerve), der längste Nerv in deinem Körper. Er wird ruhiger, wenn du einatmest, und aktiver, wenn du ausatmest. Ein längeres Ausatmen verschiebt das Gleichgewicht in Richtung Ruhe.

Forschung zur Atemfrequenz hat gezeigt, dass eine Verlangsamung auf etwa acht Atemzüge pro Minute die Vagusnerv-Aktivität im Vergleich zu zwölf oder sechzehn Atemzügen deutlich erhöht. Ein verlängertes Ausatmen verschiebt den Körper weiter in Richtung Ruhe, wobei die Herzfrequenz sinkt und Stresshormone nachlassen.

Fünf Minuten, die Meditation übertreffen

Eine kontrollierte Studie mit 111 Teilnehmenden verglich fünf Minuten tägliche Atemübungen mit Achtsamkeitsmeditation über einen Monat. Beide Gruppen berichteten von weniger Angst, aber die Atemgruppen zeigten etwa ein Drittel größere Verbesserungen der positiven Stimmung. Die Gruppe, die lange, langsame Ausatmungen übte, berichtete die größten täglichen Fortschritte, und ihre Ruheatemfrequenz sank auch außerhalb der Übungszeiten.

Probier zyklisches Seufzen aus

Die Technik, die am besten abschnitt, heißt zyklisches Seufzen (cyclic sighing):

  1. Atme langsam durch die Nase ein, bis sich deine Lungen angenehm voll anfühlen.
  2. Nimm einen zweiten, kürzeren Atemzug, um deine Lungen vollständig zu füllen.
  3. Atme sehr langsam durch den Mund aus, bis die gesamte Luft draußen ist. Wiederhole das fünf Minuten lang. Du kannst das am Schreibtisch, im Bus oder im Bett machen.
  • Fang klein an. Wenn sich fünf Minuten nach zu viel anfühlen, aktiviert schon ein einziger langer Ausatemzug den Vagusnerv.
  • Setz dir einen Auslöser. Verknüpfe es mit etwas, das du ohnehin tust: dich an den Schreibtisch setzen, auf den Kaffee warten oder ins Bett gehen. Wenn deine Brust das nächste Mal eng ist und jemand sagt „atme einfach", weißt du, was das wirklich bedeutet: ein längeres Ausatmen, langsam wiederholt.
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Quellen

  1. Gerritsen, R. J. S., & Band, G. P. H. (2018). Breath of life: The respiratory vagal stimulation model of contemplative activity. Frontiers in Human Neuroscience, 12, Article 397. https://doi.org/10.3389/fnhum.2018.00397
  2. Komori, T. (2018). The relaxation effect of prolonged expiratory breathing. Mental Illness, 10(1), Article 7669. https://doi.org/10.4081/mi.2018.7669
  3. Balban, M. Y., Neri, E., Kogon, M. M., Weed, L., Nourber, B., Jo, B., Holl, G., Zeitzer, J. M., Spiegel, D., & Huberman, A. D. (2023). Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal. Cell Reports Medicine, 4(1), 100895. https://doi.org/10.1016/j.xcrm.2022.100895