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Dein Nervensystem hat zwei Gänge

Ein angespanntes Meeting endet und du atmest endlich aus. Deine Schultern senken sich. Dein Kiefer entspannt sich. Irgendetwas in deinem Körper hat sich…


Ein angespanntes Meeting endet und du atmest endlich aus. Deine Schultern senken sich. Dein Kiefer entspannt sich. Irgendetwas in deinem Körper hat sich gerade verändert, und es war keine bewusste Entscheidung. Diese Veränderung hat einen Namen: Dein autonomes Nervensystem (autonomic nervous system) schaltet zwischen seinen zwei Gängen um.

Das Gaspedal

Das sympathische Nervensystem (sympathetic nervous system) ist das Gaspedal deines Körpers. Wenn es eine Bedrohung erkennt (real oder eingebildet), flutet es dich mit Adrenalin. Dein Herzschlag steigt. Die Atmung wird schneller. Muskeln spannen sich an. Die Verdauung pausiert, weil dein Körper Energie in Richtung Überleben umleitet. Das ist die Kampf-oder-Flucht-Reaktion (fight-or-flight response), und sie wurde für Minuten gebaut, nicht für Stunden.

Moderne Stressoren (Arbeitsmails, soziale Konflikte, finanzieller Druck) können das Gaspedal tagelang gedrückt halten. Wenn du dich jemals aufgedreht aber erschöpft gefühlt hast, ohne klaren Grund angespannt warst oder dich am Ende des Tages einfach nicht entspannen konntest, dann ist das dein sympathisches System, das im Gang feststeckt. Forschung zu anhaltender sympathischer Aktivierung bringt sie mit kognitivem Abbau, gestörtem Schlaf und chronischen Entzündungen in Verbindung.

Die Bremse

Das parasympathische Nervensystem (parasympathetic nervous system) fährt das entgegengesetzte Programm: ruhen, verdauen, erholen. Sein Hauptkanal ist der Vagusnerv (vagus nerve), der längste Hirnnerv in deinem Körper, der von deinem Hirnstamm bis hinunter zu deinem Darm verläuft. Wenn der Vagusnerv feuert, sinkt der Herzschlag, die Atmung wird tiefer und dein Körper wechselt in den Reparaturmodus.

Hier ist die gute Nachricht: Anders als die meisten deiner autonomen Schaltkreise kannst du diese Bremse absichtlich aktivieren.

Wie du den Gang wechselst

  • Verlangsame dein Ausatmen. Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zu bewusst verlangsamter Atmung hat gezeigt, dass sie die parasympathische Kontrolle des Herzens fast sofort erhöht. Der Schlüssel ist, dein Ausatmen länger zu machen als dein Einatmen. Versuche, vier Zähler lang einzuatmen und sechs Zähler lang auszuatmen.
  • Summe oder gurgle. Der Vagusnerv verläuft durch deinen Hals. Vibrationen durch Summen oder Gurgeln stimulieren ihn direkt.
  • Spritz dir kaltes Wasser ins Gesicht. Kälte aktiviert den Tauchreflex (dive reflex), eine parasympathische Reaktion, die den Herzschlag innerhalb von Sekunden senkt. Das sind keine Entspannungstricks. Es sind physische Reize, auf die dein Nervensystem von Natur aus reagiert.
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Quellen

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  2. Magnon, V., Dutheil, F., & Vallet, G. T. (2021). Benefits from one session of deep and slow breathing on vagal tone and anxiety in young and older adults. Scientific Reports, 11, 19267. https://doi.org/10.1038/s41598-021-98736-9
  3. Laborde, S., Allen, M. S., Borber, U., Dosseville, F., Hayat, N. R., Iskra, M., Lautenbach, F., Mas, B., Mosley, E., Salvotti, C., Steinert, L., Watson, M., & Zammit, N. (2022). Effects of voluntary slow breathing on heart rate and heart rate variability: A systematic review and a meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 138, 104711. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2022.104711
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