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Warum du dich wie ein Hochstapler fühlst

Du hast den Job bekommen. Du hast die Prüfung bestanden. Du hast die Beförderung verdient. Und trotzdem flüstert etwas in dir: Die haben sich geirrt.


Du hast den Job bekommen. Du hast die Prüfung bestanden. Du hast die Beförderung verdient. Und trotzdem flüstert etwas in dir: Die haben sich geirrt.

Die Kluft

Psychologen nennen das Impostor-Phänomen (impostor phenomenon) — ein Muster, bei dem fähige Menschen glauben, ihren Erfolg nicht verdient zu haben. Eine systematische Übersicht von über 60 Studien schätzt, dass bis zu 70 % der Menschen es irgendwann erleben.

Dahinter steckt eine Denkgewohnheit namens Attributionsverzerrung (attribution bias). Du schreibst deine Erfolge dem Glück oder dem richtigen Timing zu, während sich Misserfolge anfühlen, als würden sie dein wahres Ich enthüllen. In einem Experiment zur Selbstzuschreibung machten Teilnehmer Intelligenztests und erhielten positives Feedback. Diejenigen mit starken Impostor-Gefühlen führten ihre Ergebnisse durchweg auf Zufall zurück.

Ihre tatsächlichen Ergebnisse unterschieden sich nicht von denen der anderen. Sie konnten sie einfach nicht glauben.

Der Kreislauf, der sich selbst nährt

Das Muster läuft in einer sich selbst verstärkenden Schleife. Vor einer Herausforderung bereitest du dich entweder übermäßig vor oder schiebst alles auf.

So oder so, wenn du Erfolg hast, schreibt sich die Erklärung von selbst: „Ich habe einfach härter gearbeitet" oder „Ich hatte Glück." Keine der beiden Versionen gibt dir die Anerkennung.

Weil kein Erfolg jemals zählt, startet jede neue Herausforderung den Kreislauf mit derselben Angst, aufzufliegen.

Oft treibt eine tiefere Überzeugung die Schleife an: Wenn Talent etwas ist, das man entweder hat oder nicht, fühlt sich jede Prüfung so an, als könnte sie dich entlarven. Forschung hat Impostor-Gefühle mit dieser Art von fixem Mindset (fixed mindset) in Verbindung gebracht — dem Glauben, dass Fähigkeiten feststehen, statt sich zu entwickeln.

Das Muster lockern

  • Trenne das Gefühl von der Tatsache. Wenn der Gedanke das nächste Mal auftaucht, sag ihn laut: „Ich fühle mich wie ein Hochstapler, aber meine Erfolgsbilanz sagt etwas anderes." Beide Seiten zu hören macht die Kluft schwerer zu ignorieren.
  • Halte deine Beiträge fest. Schreib drei Dinge auf, die du getan hast (nicht Dinge, die dir passiert sind), die zu einem kürzlichen Erfolg geführt haben. Konkrete Details lassen sich schwerer abtun.
  • Achte auf den Abwertungsreflex. Denk an deinen letzten Erfolg. Wie hast du ihn erklärt? Würdest du diese Erklärung akzeptieren, wenn ein Freund sie geben würde? Der Kreislauf beruht auf einer Annahme: dass deine Erfolge nicht zählen. Jedes Mal, wenn du diese Annahme bemerkst und hinterfragst, wird die Schleife schwächer.
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Quellen

  1. Bravata, D. M., Watts, S. A., Keefer, A. L., Madhusudhan, D. K., Taylor, K. T., Clark, D. M., Nelson, R. S., Cokley, K. O., & Hagg, H. K. (2020). Prevalence, predictors, and treatment of impostor syndrome: A systematic review. Journal of General Internal Medicine, 35(4), 1252–1275. https://doi.org/10.1007/s11606-019-05364-1
  2. Leonhardt, M., Bechtoldt, M. N., & Rohrmann, S. (2022). The Impostor Phenomenon and causal attributions of positive feedback on intelligence tests. Personality and Individual Differences, 194, 111647. https://doi.org/10.1016/j.paid.2022.111647
  3. Huber, L., Seitner, L., & Gnambs, T. (2022). An experimental study of the non-self-serving attributional bias within the impostor phenomenon and its relation to the fixed mindset. Current Psychology, 42, 22055–22066. https://doi.org/10.1007/s12144-022-03486-0
  4. Mak, K. K. L., Kleitman, S., & Abbott, M. J. (2019). Impostor phenomenon measurement scales: A systematic review. Frontiers in Psychology, 10, 671. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2019.00671